Amazonas Touren und Expeditionen in Brasilien

Unser Abenteuerer mit einem Goldgräber Unser Abenteuerer mit einem Goldgräber Der berühmte "Prüfe-das-Gewicht"-Markt Mercado Ver-o-Peso Der berühmte "Prüfe-das-Gewicht"-Markt Mercado Ver-o-Peso Blick auf das Zentrum von Manaus Blick auf das Zentrum von Manaus

Expeditionen

Expeditionsbericht

Die einsamen Wächter Amazoniens


Amazonasreise zur nördlichsten Grenze des brasilianischen Regen- und Nebelwaldes

Teilnehmer: Zwei Abenteurer aus Deutschland, ein Botaniker, ein Guide sowie drei Träger

Ausgangspunkt unserer Reise zur Einstimmung auf unsere Expe­dition ist Belém, die 1616 gegründete Haupt­stadt des Bundes­staates Pará im Norden Bra­si­liens. Die Stadt, die am 250 km breiten Ama­zonas­delta liegt, gilt mit seinen Sehens­wür­dig­keiten aus der Kolo­nial­zeit als his­tori­sches Ein­gangs­tor Amazo­niens. Exotische Produkte bestaunen wir auf dem berühmten Markt Mercado Ver-o-Peso mit seinen zahl­reichen Süß- und Salz­wasser­fischen, Elixieren aus Gift­schlangen und jeder nur er­denk­lichen Art von Heil­kräutern aus Ama­zonien. Im Goeldi-Museum, das das bekann­teste Ama­zonas-For­schungs­insti­tut sowie einen Bota­nisch-Zoo­logi­schen Garten mit Arten aus­schließ­lich der Region beher­bergt, dann ein erster Vor­geschmack auf Flora und Fauna der ama­zonen­sischen Wälder. Nach einer Fluss­fahrt über den Rio Guamá genießen wir die typische nord­brasil­ianische Küche in einem der palmen­ge­deckten Res­tau­rants, einge­bettet in üppige Natur. Am Abend sind die alten Kai­anlagen mit ihren thema­tischen Bars, über denen Musik­gruppen auf aus­gedien­ten Kran­strukuren vorbei­schweben, eine gelungene Show.

Am nächsten Morgen fliegen wir weiter nach Manaus. Das vor­gesehene Camp zur Beobachtung von Wild­tieren auf einer Lichtung in der Nähe von Manaus muss zu unserer Ent­täu­schung gestrichen werden, da sich die dor­tigen Besitzer­verhält­nisse kurz­fristig verändert haben. Also geht es gleich weiter nach São Gabriel de Cachoeira, einem Städt­chen am Ober­lauf des Rio Negro, zwei Flug­stunden von Manaus entfernt.

Salesianer-Kirche Salesianer-Kirche Amazonensische Schmetterlinge Amazonensische Schmetterlinge

São Gabriel bestand Mitte des 19. Jahrhunderts ledig­lich aus einer portu­gie­sischen Urwald­festung und dem dazu­ge­hörigen Dorf mit einem Dutzend Solda­ten­unter­künften. Mittel­punkt war die stroh­gedeckte Kirche von 1750, die seit Anfang des 20. Jahr­hun­derts Sitz der Sale­sianer­mission ist. Ansonsten unter­halten hier das bra­silia­nische Heer und die Luft­waffe ihr Urwald­regiment, das die Grenzen zu Vene­zuela und Kolum­bien sichern soll. Außer­dem ist hier die Bundes­polizei statio­niert, die dem regen Drogen- und Waffen­schmuggel der Region auf der Spur ist.

Bei strömenden Regen fahren wir in unser sehr ein­faches Hotel mit beein­drucken­der Aussicht auf die Strom­schnellen des Rio Negro. Erst einmal gilt es, für unsere Expe­dition beim bra­sil­ia­nischen Umwelt­amt IBAMA und bei der India­ner­schutz­behördeFUNAI Geneh­migun­gen einzu­holen, da unsere Route durch India­ner­gebiet und den 2.200.000 Hektar großen Natio­nal­park Pico da Neblina führt. Am näch­sten Morgen arbeiten wir uns per Jeep auf einer heim­tücki­schen Urwald­piste mit der gesamten Aus­rüstung, Ver­pfle­gung und Benzin­kanis­tern zur Mündung des Rio Ia-Mirim. Die Bilanz der drei­stün­digen Fahrt: Sechs Mal im Lehm stecken­ge­blieben!

Beim Ablegen mit unserem flachen Aluminium­boot tuckert der Außen­bord­motor nur un­rhyth­misch, doch dank des mit­ge­führten Satel­liten­telefons fordern wir vor­sichts­halber einen Ersatz an. Die Natur tröstet uns inzwischen mit bunten Schwärmen von exotisch gezeichneten Schmet­ter­lingen, die uns tanzend umflattern.

Die Zeit bis zur Anlie­ferung unseres neuen Motors nutzen wir zu einem Besuch der India­ner­siedlung Ia des Stammes Tukano. Inte­res­sant ist es für uns, die Essens­zu­berei­tung - gekochter Fisch in Maniok­wurzel­sud – im Gemein­schafts­haus zu beobachten, den zwei­spra­chigen Schul­betrieb der Kinder, kurz einen Einblick in das soziale Gefüge des Stammes zu gewinnen. Zwischen den Stämmen existiert die gemeinsame Sprache Inheengatu, die neben Portu­giesisch oberhalb des Rio Negro gesprochen wird. Das Indi­aner­gebiet des oberen und mittleren Rio Negro umfasst 18 ethnische Gruppen mit ins­gesamt 35000 Indi­anern, die in 772 Dörfern leben. Der größte und bekann­teste Stamm ist der der Yano­mamis, der allein über 100.000 km² geschüt­zter Fläche ver­fügt.

Yanomámi-Familie Yanomámi-Familie Haariger Besuch: Theraphosa leblondi Haariger Besuch: Theraphosa leblondi Yanomámi Yanomámi

Hier begegnen wir auch der ersten handtellergroßen, haarigen Vogel­spinne unserer Expe­dition. Das nacht­aktive Tier, fach­spezi­fisch als Thera­phosa leblondi bezeichnet, ist die größte Spinne der Welt, kann bis zu 20 Jahren alt werden und lebt vor­wiegend in Höhlen alter Baumstümpfe.

Dann werden unsere Fähig­keiten als Urwald­menschen auf die Probe gestellt: Unsere Gast­geber laden uns zu ver­locken­den Ein­baum­fahrten ein, doch alle unsere Ver­suche geraten zu einen einzigen Desas­ter. Die Kanus liegen so flach auf dem Wasser, dass sie bei der klein­sten falschen Bewegung mit Wasser vollaufen und sofort unter­gehen, während die Tukanos am Ufer sich schließ­lich schütteln vor Schaden­freude. Eins zu Null für die Indios! Zum Abschluss treffen wir noch einige Yano­mami-Indianer, die gerade dabei sind, Mengen von Be­hältern mit in allen Farb­nuancen schil­lernden Zier­fischen aus dem Rio Tukano aus ihren Booten zu laden. Von hier aus werden die Fische in die ganze Welt exportiert.

Nach der Über­nachtung in Hänge­matten imFUNAI-Stütz­punkt können wir mit unserem neuen Motor starten. Mit dem voll­bela­denen Boot, acht Mann Be­satzung und der gesam­ten Aus­rüstung, geht es zunächst strom­abwärts auf dem Rio Ia-Mirim, dann auf dem Rio Ia und schließ­lich strom­aufwärts auf dem Rio Cauaburi bis zur Mündung des Rio Tukano. Zwei Tage brauchen wir für diese Fahrt, inmitten atem­berau­bender Natur, vorbei an Igapó-, Varzea- und Terra-firme-Wäldern, umgeben von den nie endenden Geräu­schen des Urwalds. Wir machen erste Bekann­tschaf­ten mit unan­ge­nehmen Insekten wie den Piums, den nur steck­nadel­kopf­großen Stech­mücken, die sich als wahre Plage­geister entpuppen, aber auch unzähligen Vögeln: Hals­band­aras­saris, Tukane und mehrere Arten von Aras über­fliegen die Flüsse und werden zu unseren farben­frohen Be­glei­tern. Harm­lose, gift­grüne Wasser­schlangen über­queren den Fluss und ver­sperren uns den Weg. Vor­sichtig nähern wir uns, um sie zu foto­gra­fieren, doch wir können nur ihre blitz­schnelle Flucht zu den am Ufer stehenden Bäumen regis­trieren, an denen sie sich beein­druckend auf Lianen hoch­schlängeln.

Sonnenuntergang am Rio Negro Sonnenuntergang am Rio Negro Brettwurzler Brettwurzler

In den nächsten drei Tagen stehen sehr an­stren­gende Fuß­märsche an, in denen wir einen Höhen­unter­schied von 150 Metern auf bis zu 2100 Metern über NN bewäl­tigen müssen. Sechs bis sieben Stunden täglich kämpfen wir uns auf kaum erkenn­baren Pfaden voran, die von den Yano­mamis und den in der Region ihr Unwesen trei­benden Gold­suchern angelegt wurden. Wir rutschen über ver­floch­tenes Wurzel­werk, mit glit­schigem Laub überdeckt, waten durch Flüsse, klettern Wasser­fälle hinauf und schließ­lich am dritten Tag durch weichen Humus-Morast, in den wir bei jedem Schritt bis zu den Knien einsacken.

Wir wirken wie Gnome neben den gigan­tischen Brett­wurzeln der gut über 30 Meter hohen Urwald­riesen, iden­tifizi­eren Gummi­bäume und Para­nüsse. Bis 1600 Meter steigen wir durch dichten Regen­wald, dann durch den offe­neren, super­feuchten Berg­nebel­wald. Hier formt sich aus ver­schie­densten Bromelien- und Orchi­deen­arten, Moosen und fleich­fres­senden Pflanzen ein natürlich gewach­sener, wahrhaft para­diesi­scher Garten.

Ab dem frühen Morgen ist es heiß und sonnig bei gut über 90 Prozent Luft­feuchtig­keit, bis sich nach­mittags die auf­gestaute Hitze in starken Gewittern und Regen­fällen entlädt. Über­nachtet wird in Hänge­matten und Zelten, wobei die nächt­lichen Geräusche des Urwalds uns immer das Gefühl ver­mitteln, nicht alleine zu sein. Und tat­sächlich, wie wir später erfahren, streifen hier mehrere Jaguare durch ihr Jagd­revier.

Yanomami Jagdposten Yanomami Jagdposten Seltsame Felsformation auf dem Gipfel des Pico Seltsame Felsformation auf dem Gipfel des Pico

Am zweiten Tag des schweren Auf­stiegs gibt ein Expe­ditions­teil­nehmer vor Über­an­stren­gung auf, wir lassen ihn mit einem Guide zusammen in einem Yano­mami-Jagd­posten zurück bis zu unserem Abstieg.

Bei strömenden Regen und bitterer Kälte von 5°C kommen wir am Abend des dritten Tages am Gold­gräber­lager unter­halb des Gipfels an. Auf 2100 Meter Höhe schlagen wir unser pre­käres Nacht­lager auf und fallen erschöpft in den Schlaf. Am nächsten Morgen steht eine schwere Ent­schei­dung an: Kann bei den herr­schenden Wetter­bedin­gungen ein Aufstieg gewagt werden? Es regnet so stark, dass der gesamte Pico da Neblina von weißen Kas­kaden riesiger Wasser­massen bedeckt ist, die sich auch über die zu be­gehen­den Pfade ergießen. Wir ent­schlie­ßen uns ein­stimmig, aus Sicher­heits­gründen von der Bestei­gung des 2994 Meter hohen Gipfels abzu­sehen.

In den kurzen trockenen Momenten erkunden wir die nähere Um­gebung, zusammen mit unserem wissen­schaft­lichen Expe­ditions­beglei­ter, der eine große Anzahl Orchi­deen und anderer ende­mischer Pflan­zen­arten iden­tifi­ziert und sammelt. Wunder­schöne, in voller Blüte stehende Scuticarias, auch Peit­schen­orchi­deen genannt, die seltene Coriantes mit ihrer bizarren Blüte, sowie die intensiv gelbe Cata­seto stellen bota­nische High­lights dar – ein gefun­denes Fressen für unseren Epi­phyten-Spezialisten.

Wir anderen statten einem einsamen Gold­gräber einen Besuch ab. Er führt uns seine selbst gebaute Wasch­anlage vor, mit der er aus einer bestimm­ten Lehm- und Gesteins­schicht in den Hängen Gold gewinnt, wobei die dabei ent­stehenden Umwelt­schäden ihn nicht im geringsten berühren. Seine einfache Unter­kunft gleicht der eines Höhlen­menschen, auch seine Lebens­weise ist nicht weit davon entfernt: Den einzigen Topf zum Essen teilt er sich mit seinen Hühnern. Mit dem erbeuteten Gold zahlt er seine Lebens­mittel und Aus­rüstung, die ihm von Yano­mamis aus Maturacá in regel­mäßigen Ab­ständen hinauf­gebracht werden. Dort deponiert er auch das restliche Gold für seine ungewisse Zukunft.

Helikonia Helikonia Neblina-Basis-Camp Neblina-Basis-Camp Igarapé Igarapé

Auf dem Rückweg zu unserem Lager werden wir wieder von einem gewaltigen Un­wetter überrascht, das den zu pas­sieren­den Fluss so an­schwellen lässt, dass an ein Durch­queren nicht mehr zu denken ist. Mit der Machete schlagen wir uns einen Weg quer durch das Ge­strüpp, teil­weise bis zur Hüfte im Morast. Irgend­wie gelangen wir doch in unser Lager, nur um fest­zu­stellen, dass Zelt und Schlaf­säcke triefend nass sind: Bei nahezu 0°C eine Garantie für eine höchst unan­genehme Nacht.

In der ersten Morgen­sonne brechen wir unser Lager ab und begeben uns auf den nicht minder strapa­ziösen Rück­weg, auf dem wir auch unseren zurück­gelas­senen Expe­ditions­teil­nehmer auf­sammeln. Am späten Nach­mittag des dritten Tages, sind wir wieder an der Mündung des Rio Tukano, wo wir unser Boot mit dem rest­lichen Vorrat und Benzin versteckt hatten. Trotz des Regens, der uns unab­lässig in die Gesichter peitscht, ent­schließen wir uns zur sofor­tigen Rück­fahrt. Nach ein paar Stunden, bereits auf dem Rio Cauaburi, machen wir eine glück­liche Bekann­tschaft mit einem Yanomami-Jagd­trupp, gerade beim Räuchern seines frisch erlegten Wildes: Die India­ner bieten uns aus­ge­prochene Lecker­bissen an, die wir dankend annehmen, um unsere zur Neige gehenden Vor­räte auf­zu­stocken: Ein span­ferkel­großes Paka, ein Mutum, Waldhuhn der Region, und einen dürren Affen, außer jeder Menge duftender und köst­licher Fische aus dem nahe­gele­genen Igarapé. Für uns ist das eine will­kommene Abwechs­lung zu unseren täg­lichen Expe­ditions­rationen, die haupt­sächlich aus Bohnen, Reis, Trocken­fleisch und, Teig­waren bestehen.

Amazonas-Flora Amazonas-Flora Das zurückgelassene Boot wird flott gemacht und beladen Das zurückgelassene Boot wird flott gemacht und beladen Insekt Insekt Anlegestelle Anlegestelle Rio de Janeiro Rio de Janeiro

Satt und glücklich versuchen wir, unseren vor­geseh­enen Lager­platz für diese Nacht zu erreichen. Aber schon wieder erwartet uns eine Über­ra­schung. Da der Platz in den Wasser­massen des Hoch­wasser füh­renden Flusses ver­schwun­den und keine Alter­native in Sicht ist, müssen wir weiter zum FUNAI-Posten. Zwei Stunden tasten wir uns im Schrit­tempo beim Schein von Taschen­lampen durch die tiefe Dunkel­heit, bis uns die Leucht­signale der Indi­aner­schutz­behörde sicher durch die Strom­schnellen zur Anle­ge­stelle weisen.

Nach einem weiteren Tag auf den Flüssen Ia und Ia-Mirim gelangen wir diesmal bei strah­lendem Sonnen­schein an den Aus­gangs­punkt unseres Aben­teuers, allerdings nicht ohne ein letzte Probe unserer physischen Kraft und Nerven­stärke: Gerade, als wir in einen Seiten­arm des Flusses mit starker Gegen­strö­mung einbiegen, verstummt der Motor mangels Benzin. Die gesamte Besatzung greift blitz­schnell nach Tellern und sonstigen geei­gneten Gegen­ständen und rudert wie wild gegen die Strömung - einen Meter nach vorn und zwei zurück. Da voll­bringt ein Guide das Wunder, aus einem der Benzin­kanis­ter noch ein paar Tropfen her­vorzu­zaubern, mit denen wir die nur noch 200 Meter ent­fernte Anle­ge­stelle derFUNAI erreichen.

Per Jeep fahren wir am nächsten Morgen nach São Gabriel de Cachoeira zurück. Nur ein Expe­ditions­teil­nehmer hat noch nicht genug und besteigt in den folgenden drei Tagen den Berg Morro dos Seis Lagos, ein Bio­reservat und gleich­zeitig eine geo­logisch wert­volle Region, da hier die größten Niob-Vorkommen der Welt unter der Erde liegen. Drei Tage später fliegen wir gemeinsam zur Urwald­metro­pole Manaus zurück und absol­vieren das klas­sische Besucher­programm. Intere­ssant ist das alte Opern­haus, das seine Blüte­zeit während des Kaut­schuk­booms hatte, und der Hafen mit seinem bunten und geschäf­tigen Treiben, mit seinen Ama­zonas-Pas­sagier­schiffen, Kanus und Booten aller Größen, die hier ein- und ausfahren.

Ein Kurzaufenthalt in Rio de Janeiro bildet den Ab­schluss unserer Reise. Hier gilt es, ein Ver­sprechen des Veran­stalters ein­zulösen, das uns unter den schwie­rigen Bedin­gungen während des Auf- und Abstiegs des Pico da Neblina bei der Stange gehalten hat: Ein Fest­mahl mit anti-exotischem Kassler und Kraut, runter­gespült mit kühlem deutschen Pils - ein Versuch, die durch­schnitt­lich acht ver­lorenen Kilos pro Expe­ditions­teilnehmer ein wenig auszugleichen.

Annette Runge/Peter Rohmer